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Vom Wandern, Laufen und Marschieren

zwei Personen hinter WerkbankHolzklompen, Kinderschuhe, eine Schuhmacherwerkstatt, Gesellen auf der Walz und Soldaten: Kreisdirektor Ingo Schabrich (r.) und der stellvertretende Museumsleiter Kevin Gröwig zwischen Exponaten der neuen Sonderausstellung. „Vom Wandern, Laufen und Marschieren. Niederrheinische Ge(h)schichten“ ist ab Sonntag, 5.3., im Niederrheinischen Freilichtmuseum zu sehen. Foto: Kreis Viersen

Der Soldat marschiert. Der Erholungssuchende wandert. Der Sportler sprintet. Der Atomkraft-Gegner demonstriert. Der religiöse Mensch pilgert. Schon die unterschiedlichen Worte, die die deutsche Sprache für verschiedene Arten des Gehens bereithält, machen deutlich: Mit der Fortbewegung sind unterschiedliche Wünsche und Ziele verbunden.

Das Niederrheinische Freilichtmuseum des Kreises Viersen bereitet die kulturellen Aspekte des Gehens anhand von Beispielen aus der Region auf. Die Sonderausstellung „Vom Wandern, Laufen und Marschieren. Niederrheinische Ge(h)schichten“ ist von Sonntag, 5. März, bis Montag, 5. Juni, in den Räumen der Dorenburg zu sehen. „Wir zeigen die Besonderheiten unterschiedlicher Spielarten des Gehens anhand konkreter Beispiele vom Niederrhein“, sagt Ingo Schabrich, Kreisdirektor und Kulturdezernent des Kreises Viersen. Der Besuch der Sonderausstellung ist kostenlos. Die Gäste bezahlen nur den regulären Museumseintritt.

Die Entstehung des aufrechten Gangs bei den Vorfahren des Menschen dokumentiert ein Abguss der 3,6 Millionen Jahre alten Fußspuren von Laetoli in Tansania. Es ist das bisher älteste Zeugnis des Gehens auf zwei Beinen. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt stellt das Exponat zur Verfügung. „Der aufrechte Gang galt in der Wissenschaft bis ins 20. Jahrhundert als eine Art Startschuss für die Entwicklung des Menschen“, sagt Kevin Gröwig, stellvertretender Museumsleiter und Kurator der Ausstellung. Neuere Theorien ziehen weitere Faktoren hinzu, die wichtig für die Entwicklung des Menschen waren. Aber: Nur durch das ausdauernde Gehen auf zwei Beinen konnten unsere Vorfahren neue Lebensräume besiedeln sowie in großen Gebieten energiereiche Nahrung beschaffen und transportieren.

Solch eine lebensnotwendige Rolle haben die meisten Gänge heutzutage für die Menschen nicht mehr. Viel stärker wirkt die kulturelle Bedeutung. „Ursprüngliche diente das Gehen der Fortbewegung“, erklärt Gröwig. „Heute ist es oft Werkzeug und Ausdruck kultureller Praktiken verschiedener Art.“ Dabei steht teilweise nicht einmal mehr der Ortswechsel im Mittelpunkt. Der Leichtathlet bezieht seine Motivation zu laufen beispielsweise weniger aus der Absicht, von einem Ort zum anderen zu gelangen, sondern vielmehr daraus, das Ziel in möglichst kurzer Zeit zu erreichen. In der Ausstellung kommen die niederrheinischen Athleten Hubert Houben und Maria Sander zur Sprache. Beide gewannen bei den Olympischen Spielen Medaillen. Hubert Houben 1928 in Amsterdam und Maria Sander 1952 in Helsinki.

Auch in anderen Kontexten bewegten sich die Menschen am Niederrhein auf zwei Beinen fort: „Da sind die Demonstranten, die in den 1970er-Jahren zu tausenden zu Fuß auf Protestmärschen ihrem Unmut über die Errichtung eines Kernkraftwerkes in Kalkar Ausdruck verliehen haben“, erinnert Gröwig.

Ebenfalls marschiert, jedoch aus ganz anderen Beweggründen, sind die Soldaten, die sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte unter den verschiedenen Flaggen am Niederrhein einfanden – von den römischen Legionären in der Antike bis zur Britischen Armee im Zweiten Weltkrieg.

Auch die traditionelle Walz der Handwerker kommt zur Sprache. Die Gesellen machen sich bis heute über weite Strecken auf den Weg. Ihr Hab und Gut sicher verpackt in einem so genannten Charlottenburger. In der Ausstellung ist ein nach alter Tradition gepacktes Charlottenburger  zusehen. Es besteht aus mehreren Tüchern die zu einem Bündel verschnürt sind.

Besinnlich pilgern dagegen bis heute die zahlreichen Wallfahrer am Niederrhein. Ziele sind das Birgelener Pützchen in Wassenberg oder die Gnadenkapelle in Kevelaer. In der Ausstellung sind historische Gehilfen aus der Kerzenkapelle in Kevelaer zu sehen. Die Pilger haben die Gehilfen nach ihrer Heilung zurückgelassen.

Auch Schuhe, als prominenteste Vertreter jener Hilfsmittel, die dem Menschen das Gehen erleichtern sollen, haben in der Ausstellung ihren Platz. Die Werkzeuge des Holzschuhmachers vermitteln die Arbeitsweise dieses traditionellen Berufes. Ergänzend dazu zeigt ein Blick auf den jährlichen Klompenball in Neukirchen-Vluyn, dass es sich bei einem Holzschuh nicht unbedingt bloß um einen reinen Gebrauchsgegenstand zum Gehen handeln kann, sondern auch um einen Träger von Tradition und Brauch. Lederne Schuhe wurden am Niederrhein lange vor allem in Kleve gefertigt. Besonders bekannt ist bis heute die von dort stammende Kinderschuhmarke Elefantenschuh. Deren Gründer Gustav Hoffmann produzierte als erster industriell Kinderschuhe, die sowohl an die Anatomie des linken als auch die des rechten Fußes angepasst waren. Das Museum zeigt zudem in der Dorenburg eine moderne Beinprothese mit mikroprozessorgesteuertem Kniegelenk und Carbonfederfuß aus dem Sanitätshaus Lettermann in Viersen.

Diese und weitere Ge(h)schichten rund ums Wandern, Laufen und Marschieren hat das Niederrheinische Freilichtmuseum um die älteste Form der menschlichen Fortbewegung gesammelt. Mit Hilfe von Berichten und Ausstellungsstücken werden sie den Besuchern aufbereitet und anschaulich präsentiert.